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om212 / Band 34
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Markus-Passion (BWV 247)
Ergänzung nach dem Parodieverfahren mit Kompositionen Johann Sebastian Bachs von Andreas Fischer
for Soli (SATB), Chor (SATB, auch SSATB) und Orchester
Edited by Andreas Fischer
om212
Editions*

Von Bachs Markus-Passion (BWV 247) sind Textdrucke für Aufführungen in Leipzig erhalten, aus denen nicht nur der vollständige Text und seine mit ihm verbundenen musikalischen Formen hervorgehen, sondern auch, dass dieser Text von Bachs Leipziger Textdichter Christian Friedrich Henrici (genannt Picander) stammt, der auch schon das Libretto zur Matthäus-Passion und mehreren Kantaten Bachs geliefert hatte. Auch das Datum der (Ur-)aufführung ist dem Druck zu entnehmen: es war Karfreitag, der 23. März 1731. 2009 ist in St. Petersburg ein weiterer Textdruck aufgetaucht, der bezeugt, dass das Werk 1744 in der Thomaskirche wiederaufgeführt wurde. Dieser Fund ist nicht nur deshalb bedeutsam, weil er unsere lückenhafte Kenntnis von den Leipziger Passionsaufführungen Bachs erweitert, sondern weil aus ihm auch hervorgeht, dass Bach das Werk 1744 um zwei Arien erweitert und geringfügig umgearbeitet hat.

Die ursprüngliche Version von 1731 enthielt lediglich sechs Arien und keine Ariosi/Accompagnati. Auch kombinierte Formen wie Choral+Arie, Arie+ Choreinwürfe o. ä. fehlen im Gegensatz zu den beiden anderen erhaltenen Passionen nach Matthäus und Johannes völlig. Dafür enthält die Markus-Passion 16 Choräle – und damit mehr als die Schwesterwerke. Hinzu kommen der Eingangs- und Schlusschor, so dass der Evangeliumsbericht durch insgesamt 24 frei gedichtete Stücke gegliedert wird (2 Chöre, 6 Arien, 16 Choräle). Entsprechend der Leipziger Vorgabe, die Passion in zwei Teilen (vor und nach der Predigt) zu musizieren, formte Bach hieraus einen sehr regelmäßigen Formverlauf: Jeder Teil enthält die Hälfte, also 12 der frei gedichteten Stücke (1 Chor, 3 Arien, 8 Choräle), von denen jeweils zwei den Rahmen jedes Teiles bilden und die übrigen zehn den Evangeliumstext in elf Perikopen untergliedern. In der Aufführung von 1744 fügte Bach in jedem Teil eine zusätzliche Arie ein (Nrn. 12f+, 33g+), so dass nun in jedem Teil 13 freie Stücke und 12 Evangeliumsperikopen stehen. Eine so planvolle Einrichtung des Textes dürfte Picander nicht ohne die Mitwirkung Bachs bewerkstelligt haben.

[...]

So viel uns also der erhaltene Text bereits über das verlorene Werk erzählt, umso schwerer fällt der weitgehende Verlust der dazugehörigen Musik ins Gewicht. Die Ergebnisse der Bach-Forschung, nach denen Bach fünf Stücke aus der sog. Trauerode Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl BWV 198 mit allergrößter Wahrscheinlichkeit für die Markus-Passion parodiert hat, müssen hier nicht ausführlich wiederholt werden. Es handelt sich um den Eingangs- und den Schlusschor sowie drei Arien (Nrn. 9, 17, 24). Eine weitere Arie konnte mit ähnlicher  Wahrscheinlichkeit in Bachs Kantatenwerk identifiziert werden: die Arie Nr. 19 entnahm Bach wohl dem Eingangssatz von Kantate 54 Widerstehe doch der Sünde. Etwas schwieriger ist die Identifizierung der Choräle, für die jedoch ebenfalls problemlos Zuordnungen aus den erhaltenen Choralsammlungen möglich sind. Als völlig verschollen gelten muss die Vertonung des Evangelienberichtes. Einer der sogenannten Turba-Chöre, also der Vertonung direkter Rede von Gruppen (Jünger, Juden usw.), wurde jedoch schon früh als Vorlage für den Chor „Wo ist der neugeborne König der Juden“ aus dem fünften Teil des Weihnachts-Oratoriums (BWV 248/45) vorgeschlagen. Den Chor Nr. 39b „Pfui dich, wie fein zerbrichst du“ habe Bach später dem Text „Wo ist der neugeborene König der Juden“ angepasst. Unter Verweis auf den angeblichen Konzeptschriftcharakter von BWV 248/45 in der autographen Partitur votieren einige Autoren allerdings für eine Neukomposition von 1734. Nach den inzwischen von der Bach-Forschung gesammelten Indizien kann die Musik von insgesamt etwa 19, z. Tl. sehr gewichtigen Stücken als mutmaßlich identifiziert gelten: zwei Chöre (Eingangs- und Schlusschor), vier Arien und ein Großteil der Choräle.

Rekonstruktionen

Auf dieser Grundlage, die erstmals in einer Edition von Diethard Hellmann im Jahr 1964 greifbar wurde, sind seitdem immer wieder Versuche gemacht worden, Fehlendes zu ergänzen. Die Lösungsansätze reichen von Neukompositionen in modernem oder historischem Gewand bis zu Anleihen bei zeitgenössischen Komponisten, insbesondere bei der von Bach mehrfach selbst aufgeführten Markus-Passion Reinhard Keisers, so z. B. das Pasticcio Rudolf Kelbers aus dem Jahr 1998 und Austin Harvey Gommes Ausgabe bei Bärenreiter (2003). Ton Koopman verzichtete auf die Erkenntnisse der Bach-Forschung, machte eigene Parodie-Vorschläge jenseits der dort ermittelten Vorlagen und fügte sie mit nachkomponierten Rezitativen zusammen. Alexander Grychtolik legte 2009 eine Fassung unter weitgehender Wiederverwendung der Musik der Matthäus-Passion vor. All diese Versuche bleiben wenig befriedigend, sei es, weil der stilistische und qualitative Abstand zwischen Keiser, modernen oder nachkomponierten Ergänzungen im Wechsel mit Bach’schen Originalkompositionen zu krass ausfällt, oder weil eine ,kleine‘ Fassung der Matthäus-Passion dem omnipräsenten Original wiederum nicht standhalten kann.

Ziel der hier vorgelegten Ergänzung war es demnach, eine weitgehende Annäherung an Bachs Personalstil durch ausschließlichen Rückgriff auf seine eigenen Kompositionen (ausgenommen die Matthäus-Passion) zu erreichen und damit der bisher vermissten qualitativen und stilistischen Einheitlichkeit des Gesamtwerkes ein Stück näher zu kommen. Dabei spielte der historische Aspekt, ob die gewählten Vorlagen zum Zeitpunkt der Entstehung der Markus-Passion überhaupt schon vorhanden (bzw. im Gegenteil allzu weit vorher entstanden) waren, eine untergeordnete Rolle (obschon das Bach’sche Kantatenschaffen 1731 zum allergrößten Teil natürlich vorlag und Bach auch in Spätwerken wie der h-Moll-Messe eine sehr frühe Komposition wiederverwendete). Ebenso konnten quellenphilologische Argumente (wie z. B. die Übernahme aus BWV 248 betreffend) zurückgestellt werden. Denn Ziel war nicht eine historisch gesicherte Version, die ohnehin als Utopie zurückgewiesen werden muss, sondern ein aufführbares Gesamtwerk, das dem künstlerischen Ergebnis Vorrang vor historischer Wahrscheinlichkeit einräumt.

Selbstverständlich fanden dennoch die von der Bach-Forschung wahrscheinlich gemachten Vorlagen ausnahmslos Verwendung, waren sie doch der beste Garant für ein überzeugendes musikalisches Ergebnis. (Auch Picanders Text wurde praktisch unverändert übernommen, obgleich Bach vielleicht an einigen Stellen Änderungen angebracht hätte.) Der Verfasser ist sich natürlich bewusst, dass er sich weitgehend auf wissenschaftlich ungesichertem Gelände bewegt und damit berechtigter Kritik aussetzt. Aber dieser Kritik sind auch alle anderen Rekonstruktionsversuche ausgesetzt: es gab und gibt nun einmal keine wissenschaftlich abgesicherte Möglichkeit, Bachs Markus-Passion in eine aufführbare Form zu bringen, solange jedenfalls nicht neue Quellen auftauchen.

Andreas Fischer (aus dem Vorwort)

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