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Aus:
VivaVoce
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Reichtum
des Verschiedenen
Ellen Hünigen im Interview mit Ramona Langenbach
R.
L.:
Frau Hünigen, unser erster Interview-Termin platzte, da Sie eine
Probe mit dem Ensemble für mittelalterliche Vokalmusik Vox Nostra hatten.
Was fasziniert Sie an der frühen mehrstimmigen Musik?
E.
H.: Nicht
nur diese, auch frühe einstimmige Musik fasziniert mich schon seit langem.
Es veränderte durchaus mein Denken, sie genauer zu verstehen - einschließlich
der Kenntnis alter Notation und des Lateinischen, von Originalquellen
und zeitgenössischen Musiktraktate lesen zu können. Die "Landung" im
Ensemble war quasi eine Mischung aus Vorsatz und Zufall - jedenfalls
einer DER Glücksfälle im Leben. Mich hat schon lange interessiert, diese
Musik aus zeitgenössischer Praxis zu verstehen, das heißt das alte S
Schriftbild sofort umzusetzen, ohne den Umweg einer Übertragung, die
zwar notwendige Krücke sein kann, oft aber falsche Vertrautheit vorgaukelt.
Bei Modalnotation muß man schon oft knobeln, wie die Stimmen übereinanderkommen.
Aber es hat nicht nur mit einem sinnlichen Verhältnis zur Schrift zu
tun, wenn man sofort gemeinsam singend ausprobiert, es bedingt auch
eine andere Interpretation. Mann begegnet im Mittelalter auch einer
riesigen Memorierleistung. Das erschüttert doch gehörig die heutige
Schriftfixiertheit. Die Ambivalenz von Schrift wird deutlich, da spätere
Notationen gegenüber früheren durchaus auch einen Verlust bedeuten.
R.
L.:
Suchen Sie also bewusst extrem fremde Pole auf?
E.
H.: Sowohl
bewusst als auch aus Neigung natürlich. Akzeptiert man, dass weit zurückliegende
Musik etwas zunächst Fremdes ist und diese Fremdheit sich nicht so leicht
abstreifen lässt, dann ist eigentlich erst der Weg einer Näherung eingeschlagen.
Fremdsprachige Filme, deren Sprache ich zum Teil nur vage beherrschte,
haben sich mir oft intensiver mitgeteilt als später gesehene synchronisierte
Fassungen. Man lernt russisch nicht, indem man kyrillische Buchstaben
in lateinische umschreibt, sondern indem sich jene spezifische Verbindung
von Buchstaben zum ihm eigenen Laut und umgekehrt ausbildet. Dies ist
auch ein Grund, warum in meine Komposition ... Die tote Luft zu kann...
nach Texten von Ossip Mandelstam die Originalgedichte hineinnahm. Aber
hier ist auch Vertrautheit mit dem Russischen im Spiel. Momente der
Wegnahme von Vertrautheit haben mich oft sehr berührt. Als ich in London
die Einleitung zu Monteverdis Orfeo auf Originalinstrumenten hörte,
war dies viel, viel leiser, als man es sonst zu hören bekam - das Fanfarische
schien immer lauten Pegel zu suggerieren. Mir lief es kalt über den
Rücken, als ich nun diese Musik in so zurückgenommenem Klang hörte.
Bilder von Cézanne zum Beispiel im Musée d'Orsay sind viel blasser als
im Katalog. Solch heilsames Nagen an unhinterfragten Gewissheiten bringt
manchmal erst das Fortbewegen mit sich. Aber auch so herum: Die Begegnung
mit der Terz ist eine andere, wenn man zuvor eine Weile fast terzlose
Musik gesungen hat!
R.
L.:
Lassen sich für Ihre kompositorische Arbeit dazu Bezüge herstellen?
E.
H.: Gewiß
keine allzu direkten. Das Hören betreffend, bin ich wohl sehr plural
veranlagt. Mit Interesse betrete ich Bereiche, in denen der Wahrnehmungshorizont
sich verändert, zum Beispiel wenn ich ein Stück von Morton Feldman,
das über Stunden geht, höre, oder Jean Barraqués Klaviersonate, in der
auf einmal ein narratives Moment sehr spürbar wird, der die ca. 45-minütige
Entfaltung erst rechten Raum gibt, und auch, wenn durch das Memorieren
die Individualität zunächst ähnlich scheinender alter Choralmelodien
wahrnehmbar wird. In solchen Erfahrungen fließt ein Reichtum des Verschiedenen
zusammen - mit zwei Beinen in unterschiedlichen Welten zu stehen, bereitet
ein fruchtbares Spannungsfeld und vermeidet zu starre Fixierungen. So
gibt es bei mir schon überwiegend Kompositionen mit starken konstruktiven
Verwebungen, aber auch andere mit bewusster Entflechtung von Parametern.
Dass verschiedene Prinzipien sich an bestimmten Punkten gegenseitig
unterlaufen, find ich meist einen interessanten Ansatzpunkt für ein
Stück.
R.
L.:
In Ihrer Orchesterkomposition Seestück arbeiten Sie unter anderem
mit Zahlenreihen.
E.
H.: Ja,
es sind Reihen, aus dem Pascal'schen Dreieck gewonnen, die in ihren
Überlagerungen als Schichten Phasenverschiebungen und Treffpunkte ergeben,
deren Vergrößerungen und Verkleinerungen den Fluss der Musik verändern
und ihr einen unterliegenden "Großrhythmus" verleihen. Auch Binnenrhythmen
werden aus ihnen gebildet. Dies verbindet sich gewissermaßen disjunkt
- also montiert, da anders gewonnen - mit Klangflächenprozessen, die
zum Beispiel oft in langen Glissandi oder sprunghaften, aber minimalen
Intonationsveränderungen verlangen.
R.
L.:
Arbeiten Sie auch mit Improvisation?
E.
H.: Ja,
in manchen Stücken gibt es streckenweise "fließende Rahmen" für in mehreren
Instrumenten übereinander Auszuführendes oder auch teilweise nur graphisch
vorgegebene Strecken für improvisierende Musiker.
R.
L.:
Spielte das in Ihrer Ausbildung eine Rolle?
E.
H.: Das
war auch so ein Glücksfall. Meine Theorielehrerin stellte mich mit neun
Jahren Ludwig Walter vor, der in der Spezialschule für Musik interessierten
Schülern Kompositionsunterricht gab. Als Tausendsassa kannte er sich
nicht nur mit Musik, sondern auch in Astronomie, Chemie, tropischer
Fischzucht, Linsenherstellung (für's Fernrohr), Drechselkunst und noch
Unzähligem aus. Dieser Unterricht kam meiner Natur sehr entgegen. Später
studierte ich an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin Komposition
bei Gerhard Tittel, der mit viel Feingefühl unterrichtet, und Klavier
bei Dieter Brauer, der selbst sehr viel zeitgenössische Musik spielt
und dem ich u.a. die Uraufführung meines Klavierduos (mit ihm als Duopartner!)
verdanke. Zwei folgende Jahre Meisterschülerzeit an der Akademie der
Künste zu Berlin bei Friedrich Goldmann waren für mich äußerst produktiv,
da er als genauer Analytiker der Partituren die wesentlichen kritischen
Punkte herausfischen konnte.
R.
L.:
Wovon leben Sie zur Zeit?
E.
H.: Vom
Unterrichten einerseits (Lehrauftrag für Tonsatz/Gehörbildung am C.Ph.E.
Bach-Gymnasium; Musikschulstunden, teils privater Klavierunterricht)
und Kompositionsaufträgen andererseits, mit dem Luxus, seit einigen
Jahren mehr oder weniger Zeit für einige musikwissenschaftliche Studien
aufzubringen.
R.
L.:
Welche
Projekte stehen in nächster Zeit an?
E.
H.: Es
gibt eine irische Legende, die mir als Musiktheaterprojekt vorschwebt,
allerdings wohl nicht in allzunaher Zeit zu realisieren, da allein schon
der lateinische Text erst einmal durchzuarbeiten ist. Er könnte als
Folie dienen, von der sich verschiedene Ebenen abheben.
R.
L.:
Ich
danke Ihnen für das Gespräch.
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