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Anmerkungen
<1>
Von dem
Diarium Missionis Societatis Jesu Dresdae werden die Bände
1710-1720 und 1721-1738 sowie 1759-1778 heute im Archiv des Dompfarramtes
Dresden aufbewahrt. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens im Jahre 1773
verblieben die Patres als Weltgeistliche in Sachsen und führten
auch ihre Chronik mehr oder weniger ausführlich weiter. Die beiden
Bände für die Jahre 1779-1844 befinden sich im Archiv der
Diözese Dresden-Meißen in Bautzen. Zum Umgang mit diesen
Quellen vgl. Wolfgang Reich, „Das Diarium Missionis Societatis
Jesu Dresdae als Quelle für die kirchenmusikalische Praxis“,
in: Zelenka-Studien II. Referate und Materialien der 2. Internationalen
Fachkonferenz Jan Dismas Zelenka (Dresden und Prag 1995), Sankt Augustin
1997, S. 43-57
<2>
Siehe Diarium Missionis, 1. April 1735 und 23. Februar 1738
<3>
Siehe dazu Wolfgang Hochstein, „Der verschollene Komponist. Giovanni
Alberto Ristori und sein Anteil am Dresdner Hofkirchenrepertoire“,
in: Zelenka-Studien II, S. 59-100
<4>
Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz Mus. ms. theor.
Kat. 186
<5>
Curt Rudolf Mengelberg, Giovanni Alberto Ristori. Ein Beitrag zur
Geschichte italienischer Kunstherrschaft in Deutschland im 18. Jahrhun-dert,
Leipzig 1916, S. 149, gibt eine zweite Fassung dieses Duetts „c.
Tiorba concert.“ an, die wahrscheinlich mit der im Katalog genannten
identisch ist
<6>
Die in der Sächsischen Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek
Dresden erhaltenen Bände mit Kammerduetten Steffanis Mus. 2110-L-1
(18 Duette), Mus. 2110-L-2 (20 Duette) und Mus. 2110-L-3 (18 Duette)
stammen von der Hand Ristoris; der vierte Band Mus. 2110-L-4 (6 Duette)
von der Hand Zelenkas. Vier der sechs Duette aus dem letzteren Band
sind auch in der Abschrift Ristoris überliefert. Alle vier Bände
gelangten aus den Nachlässen der beiden Musiker zunächst in
die Katholische Hofkirche und später in die Königliche Öffentliche
Bibliothek.
<7>
Nachweisbar durch den Catalogo della Musica di Chiesa composta da
Giovanni Georgio Schürer, Sächsische Landesbibliothek
— Staats- und Universitätsbibliothek Dresden Bibl. Arch.
III Hb 790
<8>
Belege für diese Praxis finden sich bei Frank Legl, „Eine
alte Theorbe, ein halber Schragen Holz und die Winter 1815/16 und 1816/17“,
in: Die Laute. Jahrbuch der Deutschen Lautengesellschaft 3 (1999), S.
94-104
<9>
In der Sächsischen Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek
Dresden sind erhalten: Johann Gottlieb Naumann, zwei Versetti im Autograph
(Mus. 3480-E-4 und 5), und Franz Seydelmann, ein Versetto in Partiturabschrift
(Mus. 3550-E-58), sowie Fragmente von Stimmensätzen (Mus. 3549-E-541;
Mus. 3550-E-504, 505 und 506; Mus. 1-E-744)
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Vorwort
zur Partitur
Von Gerhard Poppe
Giovanni
Alberto Ristoris Divoti Affetti alla Passione di Nostro Signore
waren, wie sich aus der Fortsetzung der Titelformulierung in den
erhaltenen Stimmbüchern ergibt, „per uso della Reale Cappella
di Dresda nel Giorni de’ Venerdì e Domeniche della Quadragesima“
bestimmt. Damit hatten sie im Repertoire der Dresdner Hofkirche ihren
Platz nach den Fastenpredigten, die in der Fastenzeit am Freitagnachmittag
im Rahmen der Miserere-Andacht und am Sonntagnachmittag im Anschluß
an die Vesper gehalten wurden. Die Miserere-Andachten sind durch die
Notizen des Diarium Missionis Societatis Jesu Dresdae am sächsischen
Hof seit 1710 nachweisbar; sie fanden seit 1730 in der Fastenzeit täglich
von Montag bis Freitag statt, und ihr Ablauf blieb über fast zwei
Jahrhunderte konstant..<1>
Zu Beginn wurde vor ausgesetztem Sanctissimum der Psalm Miserere
figuraliter musiziert; daran schloß sich freitags die Predigt
an, während der das Sanctissimum durch eine Sakramentsfahne verdeckt
war. Es folgten ein weiterer, in den frühesten Notizen nicht näher
bezeichneter Gesang, Versikel und Oration des Priesters, der Hymnus
Pange lingua und der sakramentale Segen sowie am Ende das Lied
O Lamm Gottes unschuldig. Einen ähnlichen Ritus gab es
an den Sonntagen der Fastenzeit im Anschluß an die Vesper. Nach
der 1733 erfolgten Reduzierung des Hofkirchenensembles fiel die Ausführung
des figuraliter musizierten Miserere sowie der übrigen
Gesänge in den Aufgabenbereich der Hofkapelle. Die Ausgestaltung
dieser Andachten mit Musik blieb in der Dresdner Hofkirche bis weit
in das 19. Jahrhundert hinein unverändert.
Von
allen Teilen der Miserere-Andachten war der direkt nach der
Fastenpredigt erklingende Gesang am längsten ohne eine klar umrissene
Form geblieben. In den Anfangsjahren der Dresdner Hofkirchenmusik dürfte
es sich um kaum mehr als ein einfaches Lied gehandelt haben. Die Aufführung
eines Stabat mater nach der Predigt am Fest der Sieben Schmerzen
Mariä (Freitag vor Palmsonntag) findet im Diarium Missionis
erstmals 1735 Erwähnung, und erst drei Jahre später ist
an gleicher Stelle für den 23. Februar 1738, der in diesem Jahr
auf einen Sonntag fiel, von einem „cantus 2 virtuosorum cum theorba“
nach der Predigt die Rede. <2>
Da das Diarium Missionis keine vollständige Chronik der
Kirchenmusik bietet, aber liturgische und musikalische Neuerungen in
der Regel registriert, bezeichnet diese Notiz mit hoher Wahrscheinlichkeit
die Einführung von generalbaßbegleiteten Duetten an dieser
Stelle. Mit Sicherheit sind dabei Ristoris Duette gemeint, weil von
den anderen leitenden Musikern am sächsischen Hof aus dieser Zeit
keine Werke in dieser Besetzung und für diese Bestimmung nachweisbar
sind.
Giovanni
Alberto Ristori wurde 1692 in Bologna geboren und kam nach einigen Opernerfolgen
in Venedig und anderen oberitalienischen Städten im Dezember 1715
mit der Komödiantentruppe seines Vaters Tommaso Ristori an den
sächsisch-polnischen Hof nach Dresden. Neben seinen Aufgaben als
Komponist italienischer Opern und Intermezzi war er gemeinsam mit Johann
David Heinichen und Jan Dismas Zelenka seit den 1720er Jahren für
die Musik zu den katholischen Hofgottesdiensten verantwortlich. In den
Jahren 1731/32 hielt sich Ristori mit der Truppe seines Vaters auf Einladung
der Zarin Anna in Moskau und Sankt Petersburg auf. Nach seiner Rückkehr
und dem Tod Augusts des Starken wurde er anscheinend entlassen, doch
erhielt er im Oktober 1733 eine erneute Anstellung als Hoforganist.
Da der neue Hofkapellmeister Johann Adolf Hasse oft abwesend war und
Zelenka wegen Krankheit seinen Dienst nur noch in begrenztem Maße
ausüben konnte, dürfte die Hauptlast in der Leitung des Kirchendienstes
etwa ab 1740 auf Ristoris Schultern gelegen haben. Eine offizielle Ernennung
zum Kirchen-Compositeur folgte aber erst 1746 (gemeinsam mit Johann
Michael Breunich). Vier Jahre später wurde er Vizekapellmeister
und starb am 7. Februar 1753 in Dresden. Die Königin Maria Josepha
sorgte für den Ankauf des umfangreichen Nachlasses, der nach dem
Siebenjährigen Krieg katalogisiert und in den Schränken der
Hofkirche deponiert wurde. 1908 wurden Ristoris Werke zusammen mit der
übrigen nicht mehr gebrauchten Kirchenmusik in die Königliche
Öffentliche Bibliothek überführt. Während die meisten
Opern Ristoris bis heute erhalten sind, kehrten fast alle Manuskripte
mit seiner Kirchenmusik nach 1945 von der kriegsbedingten Auslagerung
nicht zurück. <3>
Die
vier Stimmbücher (Canto, Alto, Tiorba, Organo) mit den Divoti
Affetti alla Passione di Nostro Signore blieben auch nach 1908
in der Katholischen Hofkirche und wurden erst 1972 in den Bestand der
Sächsischen Landesbibliothek überführt. Der goldverzierte
Ledereinband läßt darauf schließen, daß diese
Stimmbücher zunächst eher für den privaten Gebrauch des
Herrscherhauses bestimmt gewesen waren. Laut Auskunft des Catalogo
<Thematico> della Musica di Chiesa <catholica in Dresda>
composta Da diversi Autori secondo l’Alfabetto <1765>
wurden in der Hofkirche sowohl Partituren als auch Stimmen dieser Duette
aufbewahrt; daneben ist von „L’istessi Duetti in 3. libri
legati“ die Rede. <4>
Das Incipit von Amor ah! amor meus weicht jedoch von der in
den vier erhaltenen Stimmbüchern überlieferten Version ab.
<5> Nimmt man die
aus dem Diarium Missionis überlieferte Notiz vom 23. Februar 1738
als das Datum der Einführung solcher Duette in der Dresdner Hofkirche,
so enthalten die vier Stimmbücher eine geschlossene Sammlung, deren
überwiegender Teil wahrscheinlich in den 1740er Jahren entstand.
Die zumindest teilweise Identität dieser Manuskripte mit den im
Catalogo von 1765 genannten „3 libri legati“ steht dagegen
nicht endgültig fest.
An erster Stelle der offenen Fragen im Zusammenhang mit dieser Sammlung
steht zunächst die nach der Herkunft der Texte. Nur bei O vinea
electa ist eine kurze Anlehnung an einen liturgischen Text —
hier ein Responsorium aus der ersten Nokturn des Karfreitags —
zu erkennen. Die sprachlichen Bilder gehören aber in jedem Fall
zum festen Arsenal der aszetischen Theologie in der Barockzeit. Als
Autoren kommen die Hofpoeten Stefano Benedetto Pallavicini und Giovanni
Claudio Pasquini, aber auch die an der Dresdner Hofkirche wirkenden
Jesuiten in Frage. Die Frage nach den wahrscheinlichen kompositorischen
Vorbildern läßt sich dagegen relativ leicht beantworten.
Sowohl Ristori als auch Zelenka hatten zum eigenen Musizieren und zu
Studienzwecken Kammerduette von Agostino Steffani abgeschrieben, die
in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts weit verbreitet waren
und als Klassiker dieser Gattung galten. <6>
Bei den Aufführungen von Ristoris Duetten legen die günstigen
akustischen Verhältnisse in der nicht allzu großen alten
katholischen Hofkirche und die zitierte Notiz aus dem Diarium Missionis
zunächst eine Besetzung des Basso continuo ausschließlich
mit einer Theorbe nahe. Eine solche Praxis stieß jedoch unter
den gänzlich anderen Bedingungen in der 1751 eingeweihten neuen
Hofkirche an ihre Grenzen, weil in dem wesentlich größeren
Raum eine einzelne Laute als Generalbaßinstrument nicht mehr genügte.
Wahrscheinlich blieben die Divoti Affetti trotzdem noch länger
in Gebrauch, denn mit Ausnahme eines nicht erhaltenen Cantus a Soprano,
Contralto ed Organo pro Quadragesima post Concionem post Meridiem die
Veneris et Die Dominica aptatus aus dem Jahre 1753 von Johann Georg
Schürer <7>
sind Neukompositionen der von Ristori ver-wendeten Texte erst seit den
1770er Jahren nachweisbar. In diesen jetzt „Versetto“ genannten
Stücken treten zu den hohen Singstimmen und der Orgel weitere Instrumente
der tiefen und mittleren Lage wie Fagotte, Violoncelli oder auch Violen.
Bis zum Tod von Johann Adolf Faustinus Weiß (1741-1814), der am
Dresdner Hof nach dem Siebenjährigen Krieg die Stelle seines Vaters
Sylvius Leopold Weiß als Lautenist einnahm, war auch die Mitwirkung
der Laute vorgesehen. <8>
Mit Ausnahme zweier Autographe von Johann Gottlieb Naumann und der Partiturabschrift
eines Versetto von Franz Seydelmann — alle ausdrücklich mit
„dopo la Predica“ überschrieben — sind von diesen
Stücken jedoch nur Reste der Stimmensätze erhalten. <9>
Aus ihnen läßt sich aber erkennen, daß diese Versetti
bis weit ins 19. Jahrhundert hinein im Gebrauch waren. Das Ende dieser
Tradition läßt sich dagegen nicht exakt ermitteln; es steht
jedoch sicher im Zusammenhang mit der Reduzierung des Kirchendienstes
der Hofkapelle im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.
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