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Aus:
FAZ
07.11.2008
Nr. 261, S. 37
Autor:
Hans Maier
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[...] Poppe gewinnt
aus der von ihm erstmals mit vielen Funden neu erschlossenen Rezeptionsgeschichte
der Missa solemnis
überzeugende Argumente gegen einige bekannte, bis heute weiterwirkende
Stereotypen der Beethoven -Li teratur. Er macht
deutlich, dass das lange Zeit auch von der Wissenschaft gestützte
populäre Beethoven-Bild - Beethoven als prometheisches
Genie, als tauber Einsamer, als naturfrommer Einzelgänger weitab
von Kirche und Glauben - seinerseits ein Produkt des
neunzehnten Jahrhunderts war. Je entschiedener Beethoven zu einem mit
nichts vergleichbaren Genius erklärt und seine
Musik kunstreligiös überhöht wurde - der stärkste
Anstoß dafür ging von Richard Wagner aus -, desto weniger
schien eine
Messkomposition, ein Stück liturgischer Gebrauchsmusik also (wenn
auch von höchster Qualität ), in sein titanenhaftes Werk
zu passen .
Die Missa solemnis musste dah er etwas anderes sein: eine verhinderte
Sinfonie, eine Huldigung an die Nat ur, ein
überkonfessionelles Bekennt nis. Sie musste als etwas Besonderes,
Unvergleichliches verstanden und gedeutet werden . So
sah man auf der Einbandvorderseite der 1902 bei Eulenburg erschienenen
Taschenpartitur der Missa solemnis eine
felsenzerklüftete Küste mit Blick auf den weiten Ozean. Über
Kirche und Gottesdienst dagegen, den regelhaften Ablauf einer
Messe, die Bedeutung der liturgischen Texte und der zugehörigen
Rubriken - die Beethoven durchaus studiert und beachtet
hat - gab man sich kaum Rechenschaft.
Eines der interessantesten Kapitel des Bandes gilt den Bemühungen
Theodor W. Adornos um Beethovens Missa solemnis.
Poppe zeigt, wie auch dieser eminente Musikkenner zu später Stunde
ein Opfer der geschilderten Vereinseitigungen und
Stilisierungen wurde. Adorno wollte ursprünglich eine Beethoven-Biographie
schreiben, kam jedoch über Beethovens
Bekenntnis "Mein größtes Werk ist eine große Messe"
nicht hinweg . In Adornos Augen war es eine Paradoxie, dass
Beethoven überhaupt eine Messe komponierte : "Verstünde
man ganz, warum er es tat, man verstünde wohl auch die
Missa." Adorno unterstellt, dass Beethovens Humanismus sich "gegen
die Heteronomie des über lieferten Textes" gesträubt,
dass er das Werk gewissermaßen gegen den Strich komponiert habe.
Für den Philosophen bleibt die Missa solemnis am
Ende zwar ein Hauptwerk Beethovens - jedoch ein "verfremdetes Hauptwerk"
. "Expressiv ist in der Missa nicht das
Moderne, sondern das Uralte." [...]
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