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"Es
hat sich nun bestätigt, dass wir in der Nacht zwischen dem 26 und
27sten Jul. dieses Jahrs [1783] unsern Kirnberger verloren haben, und
mit ihm zugleich noch manches musikalische Werk, und noch manche Aufklärung
musikalisch-theoretischer Wahrheiten. [1]
Mit diesen Worten leitete Johann Nikolaus Forkel im Jahr 1783 in seinem
Musikalischen Almanach einen Nachruf auf Johann Philipp Kirnberger ein.
Forkels Formulierungen zeigen, dass J. P. Kirnberger, der einstige Hofmusiker
der Schwester Friedrichs II., Prinzessin Anna Amalia, noch am Ende des
Jahrhunderts sowohl als Musiker und Komponist als auch als Musiktheoretiker
von den Zeitgenossen wahrgenommen wurde. Bereits 1802, zwanzig Jahre
später, hatte sich dieses Bild auch bei Forkel auf jene zwei Aspekte
des Schaffens und der Biographie Kirnbergers verengt, die bis heute
unser Bild bestimmen: auf den Theoretiker und den Bach-Schüler.
In Forkels Bach-Biographie heißt es nunmehr: Er war einer
der merkwürdigsten unter Bachs Schülern, voll des nützlichsten
Kunsteifers und wahren hohen Kunstsinnes. Außer der Entwicklung
der Bachischen Lehrart in der Composition, hat ihm die musikalische
Welt auch das erste und einzige haltbare System der Harmonie zu danken,
welches er aus seines Lehrers praktischen Werken abstrahiert hat.
[2] Damit sind zwei wesentliche Gesichtspunkte seines Wirkens benannt,
denen jedoch zumindest mit Kirnbergers Tätigkeit als Musikaliensammler
bzw. Begründer des musikalischen Teils der Bibliothek der Prinzessin
Anna Amalia, als Lehrer sowie last but not least auch
als Komponist drei weitere hinzuzufügen sind.
Über den Lebensweg dieses [M]erkwürdigsten unter Bachs
Schülern geben eine frühe biographische Mitteilung bei
Friedrich Wilhelm Marpurg [3] sowie ergänzend eine spätere
bei Ernst Ludwig Gerber [4] Auskunft. Demnach wurde Kirnberger am 24.
April 1721 in Saalfeld (Thüringen) geboren und erhielt bereits
in frühen Jahren Unterricht auf der Violine und dem Cembalo. Nach
dem Besuch des Gymnasiums in Coburg erweiterte er seine musikalischen
Kenntnisse bei Johann Peter Kellner in Gräfenroda und in Sondershausen
bei dem dortigen Hofmusiker Meil und Heinrich Nicolaus Gerber. Marpurg
und E. L. Gerber berichten weiter von einem zweijährigen Aufenthalt
Kirnbergers in Leipzig (ab 1739), bei dem er von Bach Unterricht in
Klavier und Komposition erhalten habe. Dem stehen allerdings Einträge
in Kirnbergers fragmentarisch erhaltenem Stammbuch entgegen, die einen
Aufenthalt in Leipzig nur für die Monate Januar und März 1741
belegen.[5] Gesichert hingegen scheint, dass sich Kirnberger ab 1741
für zehn Jahre in wechselnden Anstellungen als Cembalist in Polen
aufhielt, bevor er schließlich 1751 nach Deutschland zurückkehrte,
über Coburg, Gotha und Dresden nach Berlin kam, wo er zunächst
in der Preußischen Hofkapelle als Violinist Auskommen fand. Allerdings
ist Kirnbergers Name in keinem Etat der Hofkapelle aus diesen Jahren
verzeichnet, der er nach Marpurg von 1752 bis um 1754 angehört
haben soll. Zum späteren Ausscheiden aus der Kapelle heißt
es, dass er diese [...] jedoch nunmehr, nach erhaltener allergnädigsten
Erlaubniß, mit der Capelle Sr. Königl. Hoheit, des Markgrafen
Heinrich, verwechselt hat. [6] Somit wirkte er ab 1754 als Cembalist
in der Kapelle des Markgrafen Heinrich von Brandenburg-Schwedt (1709-1788),
bevor er im Jahr 1758 in ein Amt als Hofmusiker und Lehrer bei der musikbegeisterten
Prinzessin Anna Amalia wechselte, das er bis zu seinem Tod 1783 bekleidete.
Vornehmlich dieser letzten, fünfundzwanzigjährigen Arbeits-
und Lebensphase entstammen Kirnbergers große theoretische Arbeiten,
[7] die bereits zu Lebzeiten umfassend rezipiert wurden und bis heute
Gegenstand zahlreicher Studien sind. Hingegen lässt sich Kirnbergers
kompositorisches uvre nicht zuletzt auf Grund des Fehlens
eines modernen Werk- und Quellenverzeichnisses bislang nur unzureichend
beschreiben. Einzig der Bereich seiner Klaviermusik wurde durch Ruth
Engelhardt detailliert erfasst und im Hinblick auf seine Beziehungen
zur Kompositionstechnik J. S. Bachs untersucht. [8]
Im Bereich der Triosonaten unter Einbeziehung der Fassungen für
Cembalo obligato und einer Solostimme gestattet die Überlieferungslage
die Eingrenzung eines Werkbestands von zwölf erhaltenen Kompositionen.
Unter diesen befindet sich nur eine, die in einer Quelle eine widersprechende
Zuschreibung aufweist (Nr. 11). Zwei der Werke wurden von Kirnberger
im Jahr 1763 in Berlin bei Birnstiel veröffentlicht [Nr. 5, und
Nr. 8 (RISM A/I K 827)]. Trotz der Publikation dieser zwei Trios noch
in den frühen sechziger Jahren deuten einige Umstände darauf
hin, dass ein nicht geringer Teil der von Kirnberger überlieferten
Instrumentalmusik, zu der neben der Klaviermusik und den Triosonaten
auch Solosonaten, Sinfonien, Ouverturen und Konzerte zu zählen
sind, bereits den vierziger und fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts
entstammt vornehmlich also jenen Jahren, in denen er noch als
aktiver Musiker in Hofkapellen wirkte. So berichtet Marpurg 1754 über
die von Kirnberger bereits bekannten Werke: Seine bisherige Compositionen
sind einige lateinische Messen, Fugen, Clavierkoncerte, Trios und Solos
etc. für die Flöte und Violine. [9] Durch die Quellenbefunde
kann diese These allerdings nur bedingt gestützt werden, da eine
Vielzahl der überlieferten Quellen der Rezeption der sechziger
bis achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts in Berlin entstammen.
Äußerlich orientieren sich Kirnbergers Triokompositionen
an den Gattungsnormen zeitgenössischen norddeutschen Komponierens,
in deutlicher Anlehnung an den durch die Brüder Graun geprägten
Stil. Im Detail weisen sie aber eine durchaus eigene Prägung auf,
insbesondere durch Kirnbergers Affinität zu einem von ihm auch
in seinen Schriften propagierten Ideal eines gearbeiteten
bzw. gelehrten Stils. Eine Charakterisierung dieses Ideals
enthält der Artikel Trio in J. G. Sulzers Lexikon Allgemeine
Theorie der schönen Künste, deren Artikel zu musikalischen
Themen Kirnberger teilweise erarbeitet hatte: In den besten Trios
dieser Art ist ein sprechender melodischer Saz zum Thema genommen, der
wie in der Fuge in den Stimmen abwechselnd, aber mit mehrerer Freyheit,
und nur da, wo er von Ausdruk ist, angebracht wird; oder es sind deren
zwey oder drey, die oft von entgegengeseztem Ausdruk sind, und gleichsam
gegen einander streiten. Singende und jedem Instrument gemäße
Begleitung des Thema; freye Nachahmungen; unerwartete und wolklingende
Eintritte, indem eine Stimme der andern gleichsam in die Rede fällt;
durchgängig ein faßlicher und wolcadenzierter Gesang und
Zwischensäze in allen Stimmen, ohne daß eine durch die andere
verdunkelt werde; auch wol zur Abwechslung Schwierigkeiten und Passagen
von Bedeutung, füllen den übrigen Theil des Stüks aus,
und machen das Trio zu einem der angenehmsten Stüke der Cammermusik.
[10]
Kirnberger darf als bedeutender Repräsentant der Ära der Berliner
Klassik gelten, an deren Formung er durch seine theoretischen
Arbeiten sowie die Publikation eigener und auch fremder Werke wesentlichen
Anteil hatte (vgl. dazu auch das Reihenvorwort zu dieser Edition von
Chr. Henzel, S. VI). Auch Kirnbergers Kompositionen wurden Teil des
Repertoires der Berliner klassischen Musik der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts, einem Werkkanon, der, wie die Quellenüberlieferung
belegt, im Gedächtnis der norddeutschen Musikkultur noch bis zum
Beginn des 19. Jahrhunderts einen festen Platz beanspruchte.
Tobias Schwinger
[1] Johann Nikolaus Forkel, Musikalischer Almanach für Deutschland
auf das Jahr 1784, Bd. 3, Leipzig 1784 [1783], Nachdruck der Ausgabe
Leipzig 1783, Hildesheim 1974, S. 215.
[2] Johann Nikolaus Forkel, Über Johann Sebastian Bachs Leben,
Kunst und Kunstwerke, Leipzig 1802, (Neuausgabe Kassel 1970), S. 79.
[3] Friedrich Wilhelm Marpurg: Historisch-Kritische Beyträge zur
Aufnahme der Musik, 5 Bde., Berlin 1754-62 und 1778. Reprografischer
Nachdruck der Ausgabe Berlin 1754-1755. Hildesheim, 1970, S. 85-86.
[4] Ernst Ludwig Gerber: Historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler.
2 Bde., Leipzig, 1790 und 1792. Sp. 725-728.
[5] Vgl. Max Seiffert: Aus dem Stammbuche Johann Philipp Kirnbergers,
in: VfMw V 1889, S. 365-371, Reprint. Hildesheim, 1966 sowie Peter Wollny,
Artikel Kirnberger, Johann Philipp, in: MGG2, Personenteil,
Bd. 4, Sp. 169-176, hier Sp. 169.
[6] Marpurg 1754, a.a.O. S. 86.
[7] In Auswahl: Construction der gleichschwebenden Temperatur, Bln.
[1760?]; Die Kunst des reinen Satzes in der Musik, aus sichern Grundsätzen
hergeleitet [...], 1. Tl. Bln. 1771; 2. Tl., Abt. 1, 2, 3, Berlin und
Königsberg 1776, 1777, 1779; die 112 musikalischen Artikel im 1.
Teil (Buchstabe A-I) von J. G. Sulzer, Allgemeine Theorie der schönen
Künste, Berlin 1771; Die wahren Grundsätze zum Gebrauche der
Harmonie [nach Kirnbergers Unterricht verfasst von J. A. P. Schulz],
Berlin und Königsberg 1773; Grundsätze des General-Basses
als erste Linien zur Composition, Berlin 1781; Anleitung zur Singecomposition
mit Oden in verschiedenen Sylbenmaaßen begleitet. Berlin 1782;
Gedanken über die verschiedenen Lehrarten in der Komposition, als
Vorbereitung zur Fugenkenntniß, Berlin 1782.
[8] Ruth Engelhardt, Untersuchungen über Einflüsse Johann
Sebastian Bachs auf das theoretische und praktische Wirken seines Schülers
J. Ph. Kirnberger, Diss. Erlangen 1974.
[9] Marpurg 1754, a.a.O. S. 86. Die erwähnten lateinischen
Messen sind nicht erhalten.
[10] J. A. P. Schulz, Artikel Trio, in: J. G. Sulzer (Hrsg.)
Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Bd. 2, Berlin 1774,
S. 1180-1181.
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