ortus musikverlag
zurück Rezension: Wie mit vollen Chören

Aus:
Concerto
Nr. 236, Februar März 2011
Autor:
Peter Sühring

Dieses Buch kommt in vielerlei Hinsicht zur rechten Zeit,und viel früher wäre es wohl auch nicht möglich gewesen.Denn die wiedergewonnene Einheit der Stadt schärft das Geschichtsbewusstsein und lässt erahnen,wieviele Glieder der lebendigen Kette,die frühere Generationen miteinan-der verband und zusammenführte,uns heute (noch) fehlen-besonders in der historischen Mitte von Berlin. Zwar werden die Wunden von Krieg, Nachkriegs-Kahlschlag und Teilung so schnell nicht (wenn überhaupt) heilen können, aber in einem der Zukunft zugewandten Prozess desWieder-zusammenwachsens gewinnt eben auch dieVergangenheit,auf der alles basiert,ein immer größeres Gewicht.Was wäre die Geschichte und die Bedeutung der drei Bürgerkirchen im historischen Zentrum Berlins (St.Petri-heute planiert,St.Nikolai-heute Museum,St.Marien-heute eine wie eh und je aktive Kirche mit Musik) ohne das BerlinischeGymnasium Zum Grauen Kloster,mit dessen Namen sich seit 1963 das 1949 neugegründete Evangelische Gymnasium in Schmargendorf schmückt und dessen Schulchöre früher in diesen Kirchen sangen? Was wäre die Musik in diesen Kirchen ohne die-Burg-,also ohne das seit 1902 in Charlottenburg angesiedelte,ehemals Königliche, ursprünglich von Zelter geleitete Institut für Kirchenmusik, wo die für die ganze Stadt gedachte Ausbildung der Kantoren und Organisten zentralisiert war und im Rahmen der Universität der Künste heute wieder ist? Auf die Zerstörungen des Krieges folgt ein der Mitte Berlins auf SED-Geheiß der städtebauliche und kulturelle Kahlschlag all dessen, was an Hof und Kirche erinnern konnte, die einst dominant waren und sich doch zusammen mit den Museen, der Oper, der Staatsbibliothek, der Universität und vielenWohnhäusern zu einem Ensemble gefügt hatten. Heute erst ist es auch möglich, die über die Stadt-und Landes geschichte forschen-denVorarbeiten und Ergebnisse von Einzelstudien (durchaus auch die von bisherigen Einzelkämpfern wie Christoph Henzel) zu bündeln, und erst jetzt bestanden der Wunsch und die Möglichkeit, mit der Kantorei der einen, immer noch aktiven Zentralkirche Berlins (der von St.Marien) aufgefundene,wiederentdeckte Kirchenmusik aus früheren Perioden auch wieder aufzuführen und wie früher »mit vollen Chören«, wie es in dem von Johann Crügcr vertonten Paul-Cerhardt-Lied »Fröhlich soll mein Herze springen« heißt, zum Klingen zu bringen.[...]
Angefangen von der erstmals 1469 erwähnten Orgel in St.Marien und den ersten im gleichen Jahr erwähnten Chorschülern über den ersten namentlich bekannten Kantor an St.Nikolai (Martin Krauss,1512), über den Berliner Asaph seiner Zeit-Johann Crüger bis zu den ersten internationalen Chortagen, die in St.Marien im Juni 2010 stattfanden, ist in diesem Buch nicht nur alles in einer über sichtlichen Chronik im Anhang aufgelistet, sondern auch in 12 Beiträgen detailliert geschildert. [...]
Dieses Buch darf man wohl einen Meilenstein nennen - auf einem Wege, der allerdings in der Hauptsache noch vor uns liegt. [...]

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